Impuls

Immer wieder stelle ich mir diese Frage: wenn ich in einen Tanzraum gehe, sei es zum Modern-Dance-Training, zur Tanzmeditation oder in die Tanztheater Company. In einer Gruppe von 20 Frauen sehe ich meist nur ein bis zwei Männer. Besonders aber im Kirchentanz trifft diese Beobachtung immer wieder zu.

Ich habe Antwortversuche von Tänzern und Tänzerinnen im Ohr: Tanzen ist weiblich. Im Körper von Frauen ist der Tanz bereits archetypisch angelegt. Frauen lassen sich von Angeboten, die kreativ sind eher anziehen. Hier, wie überall in der Kirche sind Frauen die Trägerinnen des Geschehens an der Basis… Die Weiblichkeit des Tanzes wird biologisch und psychologisch erklärt. Daneben scheint die Präsenz von Frauen in den bewegten Angeboten der Kirche aber auch soziologisch bedingt zu sein, denn tendenziell ist die Leitung der Kirchen männlich und die Aktiven sind weiblich.

Noch ein Antwortversuch: Der Tanzraum ist in unserer Kultur ein Raum, der gesellschaftlich den Frauen zugewiesen wird. Die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Klein begründet mit dieser These die Seltenheit der Männer kulturwissenschaftlich. Nicht die weibliche Biologie oder Psyche, sondern gesellschaftlich wirksame Deutungsmuster und Machtverhältnisse sorgen dafür, dass tanzende Männer so rar sind.

Forschung in der Geschichte des Tanzes und in anderen Kulturen zeigt, wie wenig haltbar das Bild vom Tanz als weiblicher Domäne ist. In der Antike standen Männer auf der Bühne mit Tanz, Gesang und Poesie. Tanz war eine Männerdomäne. Das war er ebenso im höfischen Zeremoniell des Absolutismus. Männer waren führend; sie choreographierten, tradierten und gestalteten Tanzfiguren in deren Mitte der Sonnenkönig strahlte. In Südindien wurden Tanzdramen mit Männern in Frauenrollen aufgeführt. Und in Afrika? Da tanzt alles, was sich bewegen kann, vom Greis bis zum Kind, doch die zeremoniellen Maskentänze blieben Männern vorbehalten.

Steckt vielleicht hinter der gegenwärtig hohen Präsenz von Frauen auch eine Befreiungsgeschichte? Wurden Frauen einst in den zahlreichen männerdominierten Kulturen dieser Erde vor den Blicken eines Publikums „geschützt“, so wie heute manche Frau sich hinter Schleiern vor Männerblicken verbirgt?

Die Frauen der Modern-Dance-Bewegung traten bereits vor über hundert Jahren selbstbewusst, barfüßig und sehr weiblich auf. Das hat vielen Frauen den Weg in wunderbare Tanzerfahrungen bereitet, in denen sie ihre Körperlichkeit endlich genießen konnten. „Im Tanzen darf ich so sein, wie ich bin“, sagen manche. Auch Männer. Seitdem ist einiges geschehen in der Tanzgeschichte; immer wieder hatte der Tanz es schwer – nicht nur in der Kirche. Gott sei Dank ist diese Geschichte noch nicht zu Ende.

Wenn Tanz sein Potenzial, Menschen aus vorgegebenen Mustern zu befreien entfalten darf, dann sind es inzwischen wir alle, die dieser Freiheit bedürfen.

Männer, entscheidet selbst wo und wie ihr tanzt. Lasst euch nicht begrenzen von kulturellen Mustern!

Frauen, öffnet eure geliebten Frauenräume und vertraut euch einem Tanz an, der nicht aus der Biologie kommt, sondern aus dem respektvollen, liebevollen, abenteuerlichen Miteinander von Frauen und Männern in dieser wunderbaren Tanzbewegung Kirchentanz!

Eure Tatjana Schnütgen