Impuls

Madeleine Delbrêl - Mystikerin des Alltags

„Wir aber, vergessen so oft die Musik deines Geistes.
Wir haben aus unserem Leben eine Turnübung gemacht.
Wir vergessen, dass es in deinen Armen getanzt sein will,
dass dein heiliger Wille von unerschöpflicher Phantasie ist.

Und, dass es monoton und langweilig
nur für grämliche Seelen zugeht,
die als Mauerblümchen sitzen am Rand
des fröhlichen Balls der Liebe.“

Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht mit dem Titel „Ball des
Gehorsams“, das auch auf dem CAT-Symposium 2019 zitiert
wurde. Es sind Zeilen geschrieben von der Französin Madeleine
Delbrêl. Eine Frau, die ihr Leben hingegeben hat mit ihrem
Wirken als christliche Sozialarbeiterin, um Gott Orte auf der Erde
zu sichern.

Geboren wurde sie 1904 in Südfrankreich. Als junge Frau von 16
Jahren studierte sie in Paris Philosophie, Geschichte und Kunst.
Damals war sie Atheistin. Mit 19 Jahren verlobte sie sich mit
christlichen Jean Maydieu. Es kam jedoch nicht zur Hochzeit.
Jean Maydieu löste die Verlobung mit Madeleine um in den Orden
der Dominikaner einzutreten. Das brachte Madeleine in eine
schwere Krise.

Viele ihrer Freunde und Bekannten führten ein ähnlich buntes
Leben, wie es Madeleine tat, mit einem Unterschied: Bei allem
was sie taten, schien Jesus dabei zu sein. Es war, als ob Jesus zu
den Mahlzeiten ein Stuhl an den Tisch gestellt wurde und er
anwesend war. Madeleine wurde unsicher, was die Nichtexistenz
Gottes angeht.

Eines Tages beschloss sie dem Rat der Teresa von Avila zu folgen.
Diese hatte geraten, wenn jemand Gott finden möchte, wirklich
erfahren möchte, ob es Gott gibt, dann solle er sich jeden Tag fünf
Minuten hinsetzen und zu ihm beten. So tat es Madeleine und das
Wunder der Begegnung und Bekehrung geschah. Madeleine war
von Gott bezaubert worden, er hatte sie überwältigt mit seiner
Liebe, seinem Charme. Der Charme dieser Begegnung hat sie
zeitlebens geprägt und ist in ihr Leben, Denken und Schreiben
eingeflossen. In ganz alltäglichen Begegnungen, bei ihrer Arbeit
als Sozialarbeiterin auf der Straße in der kommunistischen Stadt
Ivry, in Gesprächen mit dem kommunistischen Bürgermeister, zu
Hause. Überall wollte sie anderen etwas von dem Glück
vermitteln, dass es für sie bedeutete, Gott erfahren zu haben.
Madeleine lebte ein geistliches Leben zusammen mit ein paar
Gefährtinnen, mitten in der ganz normalen Alltagswelt der
Arbeiterstadt. Sie half, wo immer sie Not lindern konnte. Jede
Unterstützung, die sie anderen gewährte, war für sie Gottes
Handeln durch sie. So sicherte sie Gott mit ihrem Leben einen
Platz in Ivry und berührte viele Menschen. Sie starb mit 60 Jahren
sehr plötzlich an einem Schlaganfall.

Madeleine Delbrêl war eine lebensfrohe, mutmachende Frau, trotz
zahlreicher Schicksalsschläge und wiederkehrender Krankheiten.
Ihr Freund, der Dominikaner und Arbeiterpriester Jacques Loew,
sagte: „Madeleine war eine zutiefst freie Frau. Frei durch die
Freiheit Gottes selbst. Sie hatte sich von Gott gefangen nehmen
lassen und das machte sie frei gegenüber den Menschen.“
Beenden möchte ich meine Vorstellung dieser Mystikerin des
Alltags mit einem weiteren Satz aus ihrem Gedicht: „Ball des
Gehorsams“:

„Herr, lehre uns den Platz,
den in dem endlosen Roman,
der zwischen dir und uns begonnen hat,
den der Tanz einnimmt,
dieser seltsame Tanz unseres Gehorsams.“

Marlies Scharping